Minna L.

Minna_L._2ⓒ Petra Dombrowski

Das Mädchen aus dem Rotlichtmilieu 

Meine Urgroßmutter Minna L. wurde im Oktober des Jahres 1875 als Tochter des 30-jährigen Drechslers und Vollkötners Georg L. und seiner 24-jährigen Frau Minna in Wolbrechtshausen (Landkreis Northeim) geboren. Das Dorf zählte zu diesem Zeitpunkt ca. 430 Einwohner, von denen allein nur zehn „Ackermänner“ und der Pächter des Ritterguts von ihrem Grund und Boden leben konnten. Die Einwohner von Wolbrechtshausen waren also Handwerker, die im Nebenerwerb noch Landwirtschaft betrieben. Zu diesen gehörte auch ihr Vater Georg, der hauptsächlich mit seiner Drechslerei die Familie ernährte. Minna L. war das dritte von insgesamt sieben Kindern. 

Es waren schwierige Jahre gewesen. Zwölf Familien aus dem Dorf, meist Tagelöhner und Arbeiter mit einer kleinen Nebenerwerbslandwirtschaft, hatten in den 1880er Jahren Haus und Hof verkauft. Auch an Georg L. war die Krise nicht spurlos vorübergegangen – auf seinem Land lasteten Hypotheken. Im Jahr 1892 verkaufte er Haus und Hof und trat im Juni des Jahres die Reise in die Vereinigten Staaten an. Georg L. verließ seine Familie und verschwand für immer in den Weiten der USA.

Dienstmädchenzeit

1892 arbeitete Minna L. schon in Göttingen als Dienstmädchen. Bis ins Jahr 1893 verlief ihr Leben in „normalen“ Bahnen. Sie blieb bis zu einem Jahr bei ihrer Dienstherrschaft. Doch dann schien irgendetwas passiert zu sein, vielleicht war sie es einfach Leid, sich der starren Dienstbotenordnung unterzuordnen. Minna L. verließ die Stadt in Richtung Hannover.

Syphilis

Im Juni des Jahres 1894 tauchte sie wieder in Göttingen auf – allerdings ernsthaft krank. Ob sie sich das Leiden in Hannover zugezogen hatte, bleibt im Dunkeln. Der Magistrat wurde jedenfalls auf Minna L. aufmerksam und hatte sie ins Krankenhaus einweisen lassen. Sie war gezwungen sich einer Syphilisbehandlung mit Quecksilber zu unterziehen, die viele unangenehme Begleiterscheinungen mit sich bringen konnte (Zahnausfall, Haarausfall…). Nach zehn Wochen galt sie als geheilt, wobei man diese Geschlechtskrankheit zur damaligen Zeit nicht wirklich heilen konnte, und wurde im August entlassen. Im darauffolgenden Herbst ging Minna L. fort nach Kassel und trat dort eine Stelle als Dienstmädchen an.

Kassel

Wilhelmshöhe war für seine gute Luft und den dortigen Kurbetrieb bekannt. Man brauchte Dienstpersonal in den Einrichtungen und Privathäusern der Stadt. Die Nähe zum kaiserlichen Schloss versprach auch etwas Glamour, den eine kleine, beschauliche Stadt wie Göttingen nicht bieten konnte – auch das wird auf Minna sicherlich anziehend gewirkt haben. Aber kaum war sie drei Wochen in ihrem neuen Arbeitsverhältnis tätig, passierte etwas Einschneidendes: sie wurde schwanger. Im August 1896 brachte meine Urgroßmutter Tochter Elise in Marburg zur Welt. Der darauffolgende Aufenthalt in ihrem Heimatdorf war nur von kurzer Dauer. Ihre kleine Tochter starb mit 11 Monaten in Wolbrechtshausen.

Jahre um 1900

Ab welchem Zeitpunkt wurde meine Urgroßmutter zur Prostituierten? Der erste Eintrag in die Spezialakten der Göttinger Ordnungs- und Sittenpolizei fand Anfang 1901 statt. Die Polizei war auf Minna L. aufmerksam geworden und hatte sie dem zuständigen Arzt übergeben. Die der gewerbsmäßigen Unzucht verdächtigen Frauen wurden nicht gleich unter sittenpolizeiliche Kontrolle gestellt. Waren sie krank, veranlasste der Magistrat der Stadt Göttingen ihre Einweisung ins Hospital. Waren sie gesund, kamen sie mit einer „ernsthaften Verwarnung“ davon, so auch im Falle von Minna L.. Sie geriet jedoch ein weiteres Mal ins Visier der Polizei. Zu diesem Zeitpunkt erwartete sie bereits meine Großmutter Emmy. Wer war der Vater dieses Kindes? Stammte es aus einer „Kundenbeziehung“? Im März 2015 ist es mir tatsächlich gelungen (über eine Genanalyse) den unbekannten Urgroßvater zu „entschlüsseln“.

Die Prostituierte in Göttingen

Es müssen wohl Probleme in ihrer Schwangerschaft aufgetreten sein, denn meine Urgroßmutter verbrachte knapp drei Monate in der Frauenklinik in Göttingen. Zusätzlich zu dieser Belastung wurde sie Anfang Januar.1902 unter sittenpolizeiliche Kontrolle gestellt. Jetzt war es also offiziell. Laut Paragraph 361 Absatz 6 des Strafgesetzbuches mussten Frauen, die der gewerbsmäßigen Unzucht überführt waren, sich unter sittenpolizeiliche Kontrolle begeben. Das bedeutete einige Einschränkungen. Einmal in der Woche zur amtsärztlichen Untersuchung ins Hospital; sie durfte bestimmte Plätze nicht betreten… Als Prostituierte gehörte sie zur aller untersten Kategorie der Gesellschaft – Kontrolldirnen wurden von ihrem Klientel begehrt und doch verachtet – so die Moral der damaligen Zeit.

Im Februar 1902 brachte Minna L. meine Großmutter Emmy zur Welt; den Vater des Kindes gab sie nicht an. Zusätzlich zu ihrem unsteten Lebenswandel hatte sie jetzt also auch noch ein Kind zu versorgen, was ihre Situation sicherlich sehr erschwerte und sie auch noch tiefer in die Prostitution trieb. Denn für eine Frau mit solch einem fragwürdigen Lebenswandel war es nahezu unmöglich, eine andere Arbeit zu finden – eine Arbeit von der sich zwei Personen ernähren konnten.

Minna L. wollte nicht auffallen und bevor sie auffällig wurde, wechselte sie lieber die Bleibe! Interessant ist, dass sie immer wieder mit anderen Prostituierten in Häusern mit zweifelhaftem Ruf zusammenwohnte, die der Polizei bekannt waren. Hier lohnt sich ein Blick auf die L. Straße in Göttingen. Dieses „Haus“ entwickelte sich in den Jahren von 1897 bis 1903 zu einem wohl gut gehenden Etablissement, denn im Jahre 1902 wohnten dort einschließlich meiner Urgroßmutter bis zu vier Prostituierte gleichzeitig.

Neuanfang im Ruhrgebiet

Was könnte für Minna den Ausschlag gegeben haben, dem „Milieu“ den Rücken zu kehren? Im Frühjahr und Frühsommer des Jahres 1902 wohnte sie, wie zuvor erwähnt, mit vier anderen „Kontrollierten“ zusammen – Zwei Prostituierte starben kurz nacheinander. Sicherlich wird der Tod ihrer beiden Mitbewohnerinnen schmerzvoll für sie gewesen sein. Vielleicht wurde ihr auch der Boden unter den Füßen zu „heiß“ denn die  Polizei  begann in Göttingen „härter“ durchzugreifen. 1906 verließ Minna L. jedenfalls die Stadt um im Ruhrgebiet ein neues Leben zu beginnen. In Göttingen hätte sie niemals in die Bürgerlichkeit zurückfinden können – das ließen die gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit nicht zu.